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Über Windeln und die AHV

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Über Windeln und die AHV

Wussten Sie, dass in Japan mehr Erwachsenenwindeln als Babywindeln verkauft werden (Lill 2014)? Auch in der Schweiz wird dies schon bald so sein.

Grund dafür: Die demografische Entwicklung!

2015 feierten in der Schweiz erstmals mehr Personen ihren 65. als ihren 25. Geburtstag (WDA Forum St. Gallen 2021). Damit nahm eine über Jahrzehnte fortschreitenden Entwicklung ihren Lauf: 2050 wird es in der Schweiz 1 Mio. Menschen über 65 Jahren mehr geben als heute (Bundesamt für Statistik BFS 2020).

Dies stellt das Erfolgsmodell Schweiz vor grosse Herausforderungen.

Schuldenberg von CHF 200 Mrd. bis 2050

Zu spüren bekommen dies unsere Sozialwerke; allen voran die AHV.

Die AHV funktioniert im Umlageverfahren. Das heisst: Die Erwerbstätigen finanzieren die Rentnerinnen und Rentner. Die Beiträge, welche wir einzahlen, werden unmittelbar zur Finanzierung der Leistungen verwendet (Informationsstelle AHV/IV kein Datum). Als meine Urgrosseltern in Pension gingen, wurden deren AHV-Renten von ca. 6 Erwerbstätigen finanziert. Die Renten meiner Grosseltern werden nur noch von 3.4 Erwerbstätigen finanziert. Meine AHV-Rente wird nur noch durch 2 Erwerbstätige finanziert werden. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung: Während bei der Einführung der AHV 1948 auf 44 Erwerbsjahre 13 Bezugsjahre folgten, sind es heute bei gleichbleibenden 44 Erwerbsjahren 23 Bezugsjahre. Das hat Folgen: Unternehmen wir nichts, häuft sich in der AHV bis 2050 ein Schuldenberg von CHF 200 Mrd. an (Schaltegger und Leisibach 2020); das entspricht den Kosten von 16 Gotthard-Basistunnel.

Der Schweiz fehlen Arbeitskräfte

Dass der Altersquotient steigt, macht sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar.

Bis 2025 werden der Schweiz rund 365’000 Arbeitskräfte (dynajobs AG 2022) fehlen; bis 2029 670’000 (Deloitte 2020) und bis 2035 sogar 1.2 Mio. (dynajobs AG 2022). Grund dafür: Die demografische Entwicklung; es gehen mehr Leute in Pension, als neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Bereits heute macht sich der Arbeitskräftemangel bemerkbar:

  • Erst kürzlich las ich von einem Geschwisterpaar, das einen von ihren drei Blumenläden schliessen musste. Grund dafür: Der Fachkräftemangel. Nach zwei erfolglosen Jahren der Suche nach zwei Floristinnen sahen sie sich gezwungen, einen ihrer Läden zu schliessen. Dass sich die Situation entspannen dürfte, ist unrealistisch. 2019 wurden gerade noch 588 FloristInnen ausgebildet; 1989 waren es noch über 1’500. (Luchetta 2022)
  • Gleiches zeigt sich im Gesundheitswesen: Bereits heute sind bspw. Teams auf den Stationen in Spitälern stark unterbesetzt.

In Anbetracht der steigenden Lebenserwartung[2] und dem daraus folgenden Bedarf an Langzeitpflege dürfte sich die Situation in den Gesundheitsberufen stark akzentuieren.

Gelingt es uns nicht, das inländische Potenzial zu aktivieren, werden wir mit dramatischen Folgen konfrontiert sein:

  • Arbeitsplätze aus Branchen, die nicht an den Standort Schweiz gebunden sind, werden ins Ausland abwandern. Das schwächt den Innovationsstandort Schweiz.
  • Produktionsstätten (vor allem im industriellen Bereich) werden ins Ausland verlagert.
  • Branchen, welche an den Standort Schweiz gebunden sind (bspw. Detailhandel, Logistik, Gastgewerbe) werden eine Kostenerhöhung erfahren und daher ihre Preise erhöhen müssen.
  • Um den Arbeitskräftebedarf zu decken, kann es zu einer hohen Migration kommen.
  • Bremsung der Wirtschaftsentwicklung.

(dynajobs AG 2022)

Höherer Altersquotient – tieferes BIP

Das hat Auswirkungen auf die volkswirtschaftliche Dynamik der Schweiz. Konkret wird die demografische Entwicklung das Wirtschaftswachstum in der Schweiz in den nächsten Jahrzehnten deutlich dämpfen (Staatssekretariat für Wirtschaft SECO 2019).

In den Wirtschaftswissenschaften geht man von Folgendem aus:

  • Desto höher der Anteil an Personen im Erwerbsalter, desto höher das BIP pro Einwohner.
  • Desto höher der Anteil an nicht erwerbstätigen Personen[3], desto niedriger das BIP pro Einwohner.

(Staatssekretariat für Wirtschaft SECO 2019).

Eine Studie geht davon aus, dass ein um einen Prozentpunkt höherer Altersquotient – das Verhältnis von nicht erwerbstätigen zu erwerbstätigen Personen – im Durchschnitt mit einem um 0.5% bis 0.8% tieferen BIP pro Einwohner einhergeht. Von 2020 bis 2035 wird der Altersquotient in der Schweiz um 35% (von 30,9 auf 41,8) ansteigen (Bundesamt für Statistik BFS kein Datum). Das heisst: Das BIP wird um bis zu 8,6% niedriger ausfallen als in einem hypothetischen Szenario einer konstanten Altersstruktur.

Diese Zahl ist aber mit Vorsicht zu geniessen: 1) Das BIP wird von vielen weiteren Effekten beeinflusst. 2) Die zukünftig älteren Personen werden sich von den heutigen Älteren unterscheiden:

  • bessere Gesundheit
  • höheres Bildungsniveau (Bundesamt für Statistik 2020)
  • bessere digitale Fähigkeiten respektive besserer Umgang mit dem digitalen Fortschritt

Die tatsächlichen ökonomischen Folgen der Alterung dürften wohl geringer ausfallen (Staatssekretariat für Wirtschaft SECO 2019).

Wie erhöhen wir unser Bildungsniveau?

Das höhere Bildungsniveau und der Umgang mit dem digitalen Fortschritt sind nicht naturgegeben. Sie bedürfen einer positiven Beeinflussung durch lebenslanges Lernen[4].

Das lebenslange Lernen hat in der Schweiz bereits einen hohen Stellenwert: Die Beteiligung an Bildung und Weiterbildung ist deutlich höher als in anderen Ländern der EU. Dabei beteiligen sich aber lediglich gut ausgebildete Personen (hohe formale Bildungsabschlüsse) intensiv am lebenslangen Lernen; Personen ohne nachobligatorischen Abschluss (Geringqualifizierte) sind im Hintertreffen (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI kein Datum).

Um mit dem permanenten Wandel des Wissens und der Kompetenzen mithalten zu können, wird das lebenslange Lernen – insbesondere für Geringqualifizierte – noch wichtiger. Dies erfordert zusätzliche finanzielle, infrastrukturelle und personelle Ressourcen.

Ein Beispiel: Ein guter Freund absolvierte eine Berufslehre als Automechaniker. Anschliessend wechselte er ins Call-Center einer Bank, besuchte berufsbegleitend die höhere Fachschule, machte einen Bachelor an einer Fachhochschule und absolviert aktuell einen MBA an einer ausländischen Universität. Er ist ein Beispiel für den dualen Bildungsweg und das lebenslange Lernen.

Was bedeutet die demografische Entwicklung für die Schulen und Hochschulen?

Während das lebenslange Lernen (gerade für Geringqualifizierte) immer wichtiger wird und immer mehr Ressourcen beanspruchen wird, entwickeln sich auch die Lernenden- und Studierendenzahlen weiter. Weil die Geburtenzahl in den Jahren 2001 bis 2017 um 24% zunahm (Bundesamt für Statistik BFS 2019), werden sich die Lernenden- und Studierendenzahlen im Zeitraum 2017-2037 auf allen Stufen signifikant vergrössern:

  • Obligatorische Schule: 2017-2037: +18%[5]
  • Sekundarstufe II: 2017-2037: +21%[6]
  • Hochschulen: 2020-2037: +21%[7]

Die Auswirkungen auf den Bedarf an neuen Lehrkräften lassen sich aktuell noch nicht beziffern; die entsprechenden Zahlen werden erst im Herbst 2022 veröffentlicht (Eidgenössisches Departement des Innern EDI 2022). Es ist aber davon auszugehen, dass der Bedarf an neuen Lehrkräften sowie auch derjenige an Infrastruktur steigen wird.

Wer ist daran schuld?

Wenn man die Auswirkungen der demografischen Entwicklung thematisiert, wird man schnell in eine Ecke gestellt, man spiele die ältere Generation gegen die jüngere aus. Als ob man jemanden eine Schuld geben wolle. Meiner Meinung stellt sich keine Schuldfrage.

Die demografische Entwicklung ist eine gesellschaftliche Realität, die es nüchtern zu betrachten und die sich daraus ergebenden Herausforderungen zu meistern gilt. Die einzige Frage, welche sich stellt, ist, wie wir darauf reagieren. Keinesfalls dürfen in dieser Angelegenheit Schuldzuweisungen, gerade gegenüber den älteren Generationen, gemacht werden. Denn es waren massgeblich die Babyboomer, welche die Steigerung des BIP von CHF 22’711 Mio. (1948) auf CHF 706’242 Mio. (2020) (Bundesamt für Statistik 2021) durch ihre Wirtschaftsleistung erarbeitet haben.

Unabhängig dieser positiven volkswirtschaftlichen Entwicklung: Die Auswirkungen der demografischen Entwicklung sind massiv. Höchste Zeit also, zu reagieren. Aber wie?

Demografische Entwicklung – wie weiter? –  meine Lösungsansätze

Wir müssen unsere Sozialsysteme sanieren

Dass es nicht aufgeht, dass immer weniger Erwerbstätige die Renten von immer mehr Pensionierten, welche auch noch immer länger leben, finanzieren, liegt auf der Hand. Die Lösung: Die Anpassung des Rentenalters an die Realität. Gleichzeitig wird damit zusätzliches, dringend benötigtes inländisches Arbeitskräftepotenzial aktiviert.

Um nicht in wenigen Jahren vor der gleichen Diskussion zu stehen, können wir das Rentenalter zusätzlich an die Lebenserwartung koppeln. Steigt die Lebenserwartung, erhöht sich automatisch das Rentenalter. Damit bleibt die AHV nachhaltig finanziert.

Wichtig dabei sind individuelle Lösungen. Denn: Nicht alle Berufsgattungen lassen eine Erhöhung des Rentenalters zu. Ich denke dabei an körperlich anstrengende Jobs wie im Baugewerbe oder in der Industrie. Hierfür gibt es bereits heute Branchenlösungen[8], welche durch die Sozialpartner ausgearbeitet werden.

Fördern wir das lebenslange Lernen

Damit die Erhöhung des Rentenalters auch verfängt und die älteren Personen auf dem Arbeitsmarkt weiterhin attraktiv sind, müssen wir das lebenslange Lernen fördern.

Bei gut ausgebildeten Personen, welche tendenziell über ein höheres Einkommen verfügen und deshalb auch eine grössere Steuerlast erfahren, dürfte ein zusätzlicher Steuerabzug den Anreiz, in die eigene Aus- und Weiterbildung zu investieren, positiv beeinflussen.

Zentral ist aber vor allem, dass gerade Geringqualifizierte ihren Rückstand aufholen und in Zukunft mit gut ausgebildeten Personen werden Schritt halten können. Hierbei ist es wichtig, dass man die Grundkompetenzen der betroffenen Individuen fördert und sie damit befähigt, sich (gegebenenfalls mit Unterstützung) berufliche Qualifikationen anzueignen[11].

Wir brauchen dringend eine digitale Bildungsinfrastruktur

Die Lernenden- und Studierendenzahlen werden sich vergrössern und gleichzeitig werden wir einen Fachkräftemangel erleben. Wie gelingt es uns also, die Bildungsqualität sicherzustellen?

Mit der Digitalisierung!

Wer heute an Digitalisierung im Bildungsbereich denkt, denkt vermutlich an virtuelle Whiteboards, welche die Hellraumprojektoren ersetzten, an Elternbriefe, welche neu per E-Mail versendet werden und an Lerninhalte, welche den SchülerInnen oder StudentInnen über Plattformen wie OLAT zur Verfügung gestellt werden. Die Digitalisierung im Bildungsbereich hat viel disruptiver und innovativer zu sein als «von Papier zum PDF». Bereits heute gibt es Lernplattformen[12], welche mit KI auf die SchülerInnen eingehen und ihnen zu ihrem individuellen Aha-Moment verhelfen (Lindner 2020).

Damit steigern wir die Qualität der Schulbildung, da der Stoff im individuellen Lerntempo vermittelt wird, und minimieren den Bedarf an Lehrkräften, da die Förderung von begabten wie auch leistungsschwachen SchülerInnen weniger Ressourcen bindet. Das bedingt aber Investitionen in die Technologie und Infrastruktur:

  • Die SchülerInnen sowie StudentInnen brauchen die notwendigen Devices.
  • Wir brauchen Technologien, welche schnell weiterentwickelt werden können und die Qualität der Lerninhalte sowie der Wissensvermittlung sicherstellen.
  • Wir brauchen Bildungseinrichtungen mit schnellem Internet, genügend Steckdosen, etc.

Dies zeigt: Die Herausforderungen der demografischen Entwicklung lassen sich nicht nur mit einer Massnahme meistern. Was es braucht, ist eine Sensibilisierung der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, dass wir die Weichen gemeinsam richtig stellen können. Und zwar bevor in der Schweiz mehr Erwachsenen- als Babywindeln verkauft werden.

Besten Dank für die Aufmerksamkeit!

Literaturverzeichnis

[1] «Der Indikator Altersquotient gibt an, wie hoch die Belastung einer Volkswirtschaft bzw. der Bevölkerung im produktiven Alter, die den Wohlstand erwirtschaftet und den Grossteil der Steuern aufbringt, durch die aus Altersgründen nicht mehr erwerbsfähige Bevölkerung ist.» (Bundesamt für Statistik BFS kein Datum)

[2] Heute im Alter von 65 Jahren: 21.4 Jahre / 2035 im Alter von 65 Jahren: 23.1. Jahre).

[3] Kinder, Jugendliche, ältere Menschen

[4] «Lebenslanges Lernen umfasst alle Lernaktivitäten, die im Laufe des Lebens durchgeführt werden, um das Wissen, die Fähigkeiten und Kompetenzen im Hinblick auf persönliche, bürgerliche, soziale oder beschäftigungsbezogene Perspektiven zu verbessern.» (Eurostat 2019)

[5] 2017: 900k SuS / 2037: 1,07 Mio. SuS

[6] 2017: 333k SuS / 2037: 404k SuS

[7] 2020: 255k Studierende / 2037: 300k Studierende (universitäre Hochschulen: +19% / Fachhochschulen: +25%  / pädagogische Hochschulen: +25%)

[8] vgl. Stiftung Flexibler Altersrücktritt FAR

[9] Der Mindestumwandlungssatzes ist der Prozentsatz, mit welchem die jährliche Altersrente aus dem Altersguthaben berechnet wird.

[10] Unter Altersgutschrift wird der Betrag, welcher jährlich dem Altersguthaben einer versicherten Person gutgeschrieben wird, verstanden.

[11] vgl. Arbeit dank Bildung – Weiterbildungsoffensive für Personen in der Sozialhilfe

[12] vgl. The Simple Club