Ehe für alle, Stimmrechtsalter 16 und Corona: Andri Silberschmidt (26) diskutiert mit Tiktokern über aktuelle Polit-Themen.

von Pascal Michel

Sich auf Facebook ins beste Licht zu rücken oder auf Twitter hitzige Polit-Debatten auszufechten, gehört für viele Bundesparlamentarier bereits zum Alltag. Auf Tiktok, wo kurzlebige Videos dominieren und sich eine junge Zielgruppe tummelt, war bisher jedoch kein Parlamentarier aktiv.

Nun wagt Andri Silberschmidt (FDP), der mit 26 Jahren jüngste Nationalrat, diesen Schritt. Am Mittwoch schaltete er sein erstes Video aus dem Nationalratssaal auf. «Auf Tiktok erkläre ich dir alles, was bei uns politisch abgeht», so Silberschmidt. Dieses Video wurde bereits über 150’000 Mal aufgerufen.

Dass sich ein Nationalrat auf Augenhöhe mit den Tiktokern unterhält, scheint bei den Nutzern anzukommen. Unter dem ersten Video kommentierten über 480 Personen.

«Es ist grossartig, wie viele Tiktoker sich für Politik interessieren und sich auf eine Debatte einlassen», sagt Silberschmidt. Er habe nicht mit so viel Resonanz gerechnet. Sein Ziel ist es, pro Woche ein Video zu einem aktuellen Thema aufzuschalten und auch mit möglichst vielen Nutzern persönlich zu diskutieren.

Junge abzuholen, sei als Politiker noch nie so wichtig und schwierig gewesen wie heute. «Darum bin ich unglaublich dankbar für die Hilfe von Jo Dietrich und Yaël Meier, die mich mit ZEAM (ein Generation Z Beratungsfirma) bei der Konzeption und der Umsetzung des Kanals unterstützen und mir näherbringen, wie junge Schweizer ticken», so Silberschmidt.

Angeregte Debatten

Auch wenn die Tiktok-Gemeinschaft das Engagement des Jung-Nationalrats begrüsst, gibt es auch Nutzer, die ihn inhaltlich angreifen. So wirft ihm ein Nutzer vor, die FDP mache beim Klimaschutz rein gar keine Kompromisse. Ein anderer stellt Silberschmidt, der findet, das Stimmrechtsalter solle bei 18 Jahren bleiben, eine kritische Frage: «Wieso nid au mal drüber rede, dass mer au ab mem gwüsse Alter nümme sötted chöne abstimme, ich meine da so ab 80i.»

«Silberschmidt ist fassbar»

Nina Hobi vom Programm Jugend und Medien begrüsst das Engagement Silberschmidts. «Kanäle wie Tiktok als Parlamentarierin oder Parlamentarier zu nutzen, kann durchaus Sinn ergeben. Authentizität ist dabei wichtig.» Andri Silberschmidt nehme man es ab, dass er sich tatsächlich auch privat auf Tiktok bewege. «Er versteht die Art, wie dort kommuniziert wird, beispielsweise konsequent auf Schweizerdeutsch.» Er stelle bewusst eine Nähe zum Zielpublikum her, antworte auch auf Kommentare und sei dadurch «fassbar», ein reales Gegenüber.

Kanäle von Parlamentariern könnten die politische Bildung stärken, sagt Hobi. Sie sagt aber auch: «Ob es für Jugendliche tatsächlich wichtig ist, dass sich Parlamentarier und Parlamentarierinnen auf Tiktok bewegen, wage ich zu bezweifeln – der Hauptgrund dafür, dass sie dort viel Zeit verbringen, ist sicher nicht der Wunsch, politische Themen zu diskutieren.» Generell wichtig sei, dass Jugendliche wüssten, wer die Politiker seien, also welcher Partei sie angehörten und welches Amt sie bekleideten – als Voraussetzung dafür, dass sie einordnen könnten, was gepostet werde.

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