2019 wurde Andri Silberschmidt mit 25 Jahren in den Nationalrat gewählt. Als Jungpolitiker und -unternehmer setzt er sich für die Schweiz als Innovationsplatz ein. Mit «Fokus» spricht er über Innovationen in Zeiten der Coronapandemie und Klimastreiks.

Interview: Patrick Biberstein / Text: Kevin Meier

Andri Silberschmidt, Sie haben zusammen mit Franziska Ryser der Grünen und Mike Egger der SVP eine WG gegründet – wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Es ist nicht das klassische Zusammenleben, wie man es sonst von einer WG kennt. Wir sehen uns eigentlich nur während der Session. Ausserhalb sind wir zwar gelegentlich in Bern, aber wir sind in verschiedenen Kommissionen und haben an anderen Tagen Sitzungen. Aber das Zusammenleben, das wir haben, gestaltet sich sehr gut. Manchmal kommen wir noch dazu, FIFA zu spielen oder ein Bier zu trinken. 

Als Jungpolitiker setzen Sie sich dafür ein, dass junge Menschen die Zukunft der Schweiz mitgestalten. Werden die Jungen von der Politik vernachlässigt?

Die Entscheide, die die Politik heute fällt, haben natürlich die grössten Auswirkungen auf die Jungen.

Doch meistens denkt man in Drei- oder Vier-Jahres-Zyklen. Wenn es zum Beispiel um die Reform der Sozialwerke geht, wird das für drei oder vier Jahre gemacht, um dann weiterzusehen. Das ist aber kein langfristiges Denken. Ich denke nicht, dass speziell für oder gegen Junge Politik gemacht wird, aber die Projekte sind nicht langfristig ausgelegt und darunter «leiden» natürlich am meisten die Jungen.

Was bedeutet Innovation für Sie?

Innovation hat für mich zwei Seiten. Die eine ist das Experimentelle und Erfinderische, was auch viel mit Unternehmertum zu tun hat. Es wird ausprobiert und man weiss noch nicht, ob man eine Lösung findet und wie die überhaupt aussieht. Als Gesellschaft müssen wir der Wissenschaft und der Wirtschaft die Offenheit zulassen, dass man ausprobiert, Fehler macht und weiterlernt. Statt einem Denken in Fünf-Jahres-Plänen, sollte man die Wirkung am Ziel kennen und den Weg dorthin offenlassen.

«Man muss den Leuten, Firmen oder Wissenschaftlern Raum geben können, um innovativ zu sein.»

Andri Silberschmidt

Die andere Seite ist, dass wir uns bewusst dem Wandel aussetzen, damit wir nicht verlieren, was wir haben. Es ist also auch eine Sache der Einstellung. Man muss den Leuten, Firmen oder Wissenschaftlern Raum geben können, um innovativ zu sein.

Wenn man eine innovative Idee hat, will man in den Markt — eine Firma gründen, ein Patent anmelden oder skalieren. In der Schweiz ist es einfacher als an anderen Orten, die ersten Millionen einzuwerben. Wenn es aber um höhere Beträge geht, investieren dann doch sehr wenige Pensionskassen. Die Innovation steht am Anfang der Wertschöpfungskette und für alles, was danach kommt, sind wir als Politiker gefordert, um für jede Etappe der Innovation die optimalen Rahmenbedingungen zu schaffen. Da können wir noch besser werden. 

Welche Rolle spielt Innovation in Ihrem Unternehmen kaisin.?

Als ich damals als Banker gesagt habe, dass ich ein Restaurant aufmache, meinten alle, dass es genug Restaurants von Bankern gäbe. Es ist ja auch nicht innovativ, Essen zu verkaufen. Wie wir das Wachstum bestritten haben, ist innovativ. Wir haben keine Investitionen, weder Fremdkapital noch viel Eigenkapital, und wollten deshalb von Anfang an ein Shop-in-Shop-Konzept. Wir nutzen bestehende Ladenflächen, die nicht den ganzen Tag gleich genutzt werden. Anstelle davon, Geld einzuwerben, zu wachsen und uns einem gewissen Risiko auszusetzen, haben wir bestehende Flächen belebt. Das ist die Innovation. 

Natürlich versuchen wir, digital und umweltpolitisch korrekt zu sein. Das ist aber keine Innovation per se, sondern der «shared use»-Ansatz unserer Gastronomie ist innovativ.

In welcher Rolle ist Innovation wichtiger, als Unternehmer oder Politiker?

Die Politik muss eigentlich nicht sonderlich innovativ sein. Sie sollte nur die Rahmenbedingungen setzen, sodass Innovation ermöglicht werden kann. So sollte sich die Politik auf fundamentale Dinge fokussieren und einfache, verständliche Regeln machen, die für alle gleich sind. Innovationen können komplex sein, aber wir müssen darauf achten, dass man es auch versteht. Trotzdem ist es gut, wenn es kreative Köpfe in der Politik gibt, die die Bedürfnisse der Innovation einbringen, repräsentieren und umsetzen können. Aber ein Gesetz zu gestalten, hat wenig mit Innovation zu tun, das ist vor allem Juristenfutter (lacht). 

Die Schweiz als Weltmeister in Sachen Innovation, eine Formulierung, die man bei Ihnen immer wieder antrifft. Was macht uns, wie sie es ausdrücken, zu Weltmeistern der Innovation? 

Ich glaube, wir sind sehr fleissig, ambitioniert, pflichtbewusst, ehrlich und offen. Ich denke das sind zudem Eigenschaften, die die Schweizerin und den Schweizer verkörpern und die sich auch widerspiegeln in dem Erfolg, den wir als Land haben. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass die Schweiz noch nicht fertig gebaut ist. Wenn wir das Gefühl haben, dass es das jetzt gewesen ist und wir den Wohlstand haben, würde das nicht lange gut gehen. Gerade meiner Generation hat diese Krise gezeigt, dass nicht alles selbstverständlich ist. 

Ende letzten Jahres konnte man noch alles tun und alle Möglichkeiten standen offen. Denn aus dieser Krise können wir Junge und Politiker etwas lernen. Wenn wir von unseren Vorzügen sprechen, haben wir manchmal das Gefühl, dass man dieses Fundament nicht erneuern oder weiterbauen muss. Ich finde, dass auch das die Schweiz ausmachen würde: Uns geht es super, aber damit es uns in Zukunft gleich gut geht, müssen wir Gas geben!

Was müsste getan werden, um diese Position auch in Zukunft halten zu können?

Einerseits, dass alles, was der Staat macht, nachhaltig ist. Nachhaltig nicht nur im ökologischen Sinn, sondern auch im wirtschaftlichen und finanzpolitischen Sinn. Das heisst, dass wir einerseits keine falschen Anreize geben. Firmen, die die Umwelt verschmutzen, müssen dafür auch geradestehen und bezahlen. 

Andererseits muss man auch darauf achten, dass die Sozialwerke nicht ungedeckte Versprechungen machen. Wenn alleine der AHV in den nächsten 25 Jahren 180 Milliarden fehlen werden, ist das sogar im Vergleich zu den Coronahilfen sehr viel. Es muss für kommende Generationen auch noch funktionieren.

«Gerade wir Jungen haben etwas Unternehmerisches an uns.»

Andri Silberschmidt

Ein weiterer Punkt ist die Stärkung des Unternehmertums. Denn gerade wir Jungen haben etwas Unternehmerisches an uns. Heute sind die Grenzen des Unternehmertums fliessender und es ist flexibler, als es früher der Fall war. Denn damals gab es einfach einen Patron und alle anderen haben für die Firma gearbeitet. Heute ist es noch wichtiger, den Unternehmergeist bereits im Betrieb selbst zu ermöglichen. Wir müssen dabei an die ganze Wertschöpfungskette denken. Gerade heute Morgen habe ich mit einem Start-up gesprochen, das 100 IT-Entwickler in Berlin eingestellt hat, weil es in der Schweiz ein Kampf ist mit der Drittstaatenkontingente. Jetzt gibt es eben 100 Arbeitsplätze in Berlin statt in Zürich. Solche Geschichten regen mich auf! Es wäre gut, wenn wir diese Wertschöpfung in der Schweiz behalten könnten, indem wir Schweizer Start-ups hier unterstützen.

Wie können Start-Ups in der Schweiz optimal unterstützt werden?

Es gibt zwei Phasen, die im Moment noch nicht so gut sind: Die Gründungsphase und das Wachstum. Denn es könnte viel einfacher sein, Firmen zu gründen. 

Im Wachstum gibt es dann wiederum zwei Themen: das Finanzkapital und das Humankapital. Beim letzteren geht es dann eben darum, ob diese Menschen überhaupt in der Schweiz arbeiten können. Da sind wir wieder beim Thema Drittstaatkontingent. Ausserdem kommen Themen vor wie die Zusammenarbeit mit Universitäten und die Mitarbeiterbeteiligung. Wieso sollte folglich eine Person bei mir arbeiten, wenn sie bei Google einen Drittel mehr verdienen würde?

«Der Zugang zu Kapital muss vereinfacht werden.»

Andri Silberschmidt

Beim Finanzkapital muss man die Voraussetzungen für Investitionen in Start-ups verbessern. Wir haben in der Schweiz viel Geld, zum Beispiel haben wir 1000 Milliarden Pensionskassenvermögen. Wenn man dann hört, dass erfolgreiche Start-ups immer noch im Ausland Geld holen müssen, weil in der Schweiz die Risikoaversion zu gross ist, dann müssen wir vielleicht auch diese Richtlinien anpassen. Der Zugang zu Kapital muss vereinfacht werden, indem Pensionskassen unaufwändig in Venture-Firmen investieren können. Bei grossen Investitionen hapert es diesbezüglich noch.

Viele Menschen sind misstrauisch gegenüber neuen technologischen Infrastrukturen, wie zum Beispiel 5G. Wie kann oder soll die Politik mit diesen kritischen Meinungen umgehen?

Diese Meinungen müssen wir ernst nehmen. Vor allem die Industrie und andere Branchen müssen der Verantwortung nachkommen, dass sie informieren und dass alles wissenschaftlich begleitet wird. Die Schweiz ist ja auch erfolgreich, weil wir alle Interessen in den Entscheidungsprozess miteinbeziehen. Gleichzeitig muss man aber auch das Verhältnis wahren. Wenn ich als Politiker 20 E-Mails erhalte von verschiedenen Personen, die aber alle gleich geschrieben sind, kann ich auf zwei Arten reagieren. Entweder ich nehme diesen Kampf auf mich, es sind ja schliesslich 20 Leute. Oder ich kann sagen, dass sich acht Millionen Leute nicht gemeldet haben. Teilweise sind diese 20 Leute lauter und deshalb wird die Relevanz ihres Anliegens vielleicht höher gewichtet als sie effektiv ist. Trotzdem sollten diese Meinungen eingebunden werden.

Als Unternehmer und Politiker waren/sind Sie gleich doppelt von der Coronapandemie betroffen. Wie hat sich das Virus auf Ihre jeweilige Rolle ausgewirkt?

Anfangs hat man natürlich enorm viele Zuschriften bekommen von besorgten Menschen, darunter zudem auch Start-ups und Unternehmer. Das war schwierig, denn als Legislative ist man zunächst einmal nicht gefragt. In einer Krise regiert die Regierung. Natürlich haben wir auch unsere direkten Kontakte in die Regierung, bei denen wir versuchen konnten, direkte Anliegen anzubringen. Jedoch hatten wir dann auch nicht immer den gleichen Informationsstand wie die Regierung. Ab und zu musste man sich auch eingestehen, dass es nichts ist, was man jetzt ändern kann. Die ersten zwei Wochen nach dem Beschluss zum Lockdown gab es sehr viele Telefonate und E-Mails. Ich war den ganzen Tag zu Hause und habe Anfragen beantwortet, da ich dies als meine Funktion angesehen habe, schliesslich haben die Leute mich als ihren Vertreter gewählt. 

Gleichzeitig hatten wir unternehmerisch das Glück, dass wir den ganzen Delivery-Markt schon seit einem halben Jahr online hatten. Das heisst, wir hatten die gesamte Infrastruktur schon. Auf diese Weise haben wir es dann geschafft, dass wir vom Umsatz her keine Einbussen hatten, obwohl Lieferungen weniger Profitabilität aufweisen als der Verkauf im Geschäft vor Ort. Trotzdem brauchten wir für eine Zeit lang Kurzarbeit, als die ganze Schweiz unter Schock stand. Danach trauten sich die Leute wieder, Essen online zu bestellen. Denn nach zwei, drei Wochen haben wir uns unternehmerisch die Zeit genommen, um langfristige Projekte anzustossen. Politisch hat es dann mit der Kommissionssitzung auch wieder begonnen. Dann war ich als Politiker wieder gefragt und es war wichtig, den Bundesrat einerseits zu begleiten und andererseits herauszufordern in den Entscheiden, die er fasste. 

Haben sich Ihre Prioritäten in der derzeitigen Krise verändert?

In der Krise selbst hatte man keine physischen Termine mehr. Da habe ich bewusster auf mich selbst geachtet. Aber ich muss sagen, jetzt ist es wieder wie vorher. Wenn ich jetzt in meinen Kalender schaue, habe ich nicht das Gefühl, dass sich mein Verhalten grundlegend verändert hat. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitswesen. Ich bin seit 26 Jahren ein bestimmtes Leben gewohnt und es entspricht nicht dem menschlichen Wesen, jetzt nur noch das Leben der letzten zwei Monate zu führen. Aber natürlich gibt es Themen, für welche man sich mehr Zeit nimmt, als man das vorher tat. Eine Entschleunigung haben wir wahrscheinlich alle bemerkt. 

Sehen Sie auch eine andere Seite der Coronakrise? Ergeben sich daraus Chancen für die Politik und den Innovationsplatz Schweiz?

Am liebsten gäbe es natürlich dieses Virus nicht und somit auch keine Krise. Es sind viele Menschen gestorben oder sie müssen langfristige Folgen der Krise ertragen. Auch die wirtschaftlichen Folgen kennen wir noch nicht genau. Aber natürlich heben Krisen Disruptionen hervor und beschleunigen vielleicht gewisse Strukturwandel. Man sagt ja, dass in Krisen oft neue Firmen und Denkansätze entstehen. In dem Sinne denke ich, dass es das auch bei dieser Krise geben wird.

Die AHV-Reform war Ihnen zudem vor der Krise schon ein Anliegen. Wie hat die Coronapandemie Einfluss darauf?

Da sind mir zwei Punkte wichtig. Der eine ist, dass die Pandemie natürlich durch die wirtschaftlichen Aussichten, die schlechter geworden sind, automatisch auch die Aussichten der Sozialwerke verschlechtert. Der zweite ist, dass wenn wir jetzt schon so viel Geld ausgeben für Soforthilfe, müssen wir auch dazu bereit sein, unsere Systeme langfristig zu sichern. Deshalb ist die ganze Reform der Sozialwerke, insbesondere der AHV, die vorher schon dringend war, die dringendste Sorge der Bevölkerung. Die grössten Sorgen waren letztes Jahr weder die Umwelt noch die Migration, sondern die Sozialwerke, auch bei den Jungen. 

Aus diesen beiden Gründen hoffe ich, dass man auch in der Politik einen Ruck verspürt. Natürlich sind die Fronten noch verhärteter als vor der Krise. Es wird also kein Spaziergang, aber dafür bin ich auch nicht in der Politik. 

Beim Thema Umweltschutz haben Sie sich zudem gegen Symbol-, Verbots- und Bevormundungspolitik ausgesprochen. Stattdessen sollen Technologie und Innovation die Treibhausgasemissionen zu reduzieren helfen. Haben Sie Beispiele welche Innovationen vielversprechend aussehen?

Es sind zwei Arten der Innovation. Die eine ist, wie man die ganze Wertschöpfungskette möglichst klimaneutral gestaltet. Hier spreche ich insbesondere von Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft. Gerade das letztere finde ich entscheidend und beobachte, dass es dort viele laufende Innovationen gibt. Getrieben wird das unter anderem von Hochschulen, die forschen, um unsere Prozesse ressourcenschonend und klimaschonend zu machen. Daran hat jeder ein Interesse. Keine Firma will Ressourcen verschwenden, denn das kostet schliesslich Geld. 

Es muss einen Preis haben, wenn man Ressourcen verbraucht. In der Vergangenheit hatten wir gewisse Ressourcen, die nicht den Preis kosteten, den sie verursachten. Das muss die Politik korrigieren. In der Schweiz erreichen wir das mit dem CO2-Gesetz, das ist ein guter erster Schritt. Die darin enthaltene Flugticketabgabe ist aber reine Symbolpolitik, weil man weiss, dass so mehr CO2 produziert werden könnte, weil lange Direktflüge gemieden werden. Da gibt es also Fehlanreize, aber es ist eine Symbolik, die der Gesetzgeber als nötig erachtet. Eigentlich wäre es besser gewesen, wenn man die Flugbranche in die Verpflichtung genommen hätte. Man hätte vorgeben können, dass sie CO2-neutral fliegen müssen, ohne das Mittel zu bestimmen. Wichtig ist, dass die Politik der Wirtschaft Ziele vorgibt und die Wirtschaft dann selbst einen Weg findet, das Ziel zu erreichen. Dass die Politik schon die Mittel vorschreibt, um das Ziel zu erreichen, finde ich falsch. Die Politiker sind ja nicht aus der Branche, wir verstehen die Flugbranche nicht. Deshalb ist es wichtig, dass wir Ziele vorgeben und die Branchen ihr Knowhow einsetzen, um diese Ziele zu erreichen. 

Reichen denn technologische Innovationen als Umweltschutz oder wird die Schweiz um Verbote nicht herumkommen? 

Verbote sind dort angebracht, wo es wirklich zu unmittelbaren und irreversiblen Schäden kommt, wie bei Asbest zum Beispiel. Es gibt gewisse Chemikalien, die heute verboten sind, weil sie den Menschen, die Landschaft oder beides zusammen kaputt machten. Aber dass das Autofahren immer ein Politikum ist, verstehe ich nicht. In Bezug auf Klimabilanz könnte es in Zukunft viel effizienter sein als andere Bewegungsmittel, die man heute lobt. Die Entscheidung, ob jemand mit dem Flugzeug, dem Auto oder dem Fahrrad zur Arbeit geht, ist sekundär. Die Frage ist, was der Ressourcenverbrauch ist und ob er dafür aufkommt. Ich finde solange die Autofahrer für den verursachten Schaden aufkommen, sollten sie fahren dürfen.

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