cropped-Andri-Silberschmidt-Logo-00AEEF.webp

Nie mehr eine Steuererklärung ausfüllen

Was, wenn wir mithilfe von maschineller Intelligenz in Zukunft keine lästigen Formulare mehr ausfüllen müssen? Ein Blick in eine mögliche Zukunft der digitalen Automatisierung.

Stellen wir uns vor, in zehn Jahren poppt auf unseren Smartphones eine Nachricht auf, in der es heisst: «Deine Steuererklärung ist ausgefüllt. Geniess den Tag, dein Micky.»

Micky, das ist unser virtueller Assistent, der mithilfe von maschineller Intelligenz während des ganzen Jahres die Daten, die ich ohnehin auf meinem Computer ablege, zusammengetragen, sortiert und ausgewertet und sich nun um meine Steuererklärung gekümmert hat. 

Micky kann das, da er mein Einkommen kennt, weil er weiss, wie viel Geld ich für die Krankenkassenprämie ausgegeben habe, und weil er über die Beträge meiner Parteispenden für die FDP Kenntnis hat. Dank Mickys Vorarbeit muss ich nur noch kurz überprüfen, ob er beim Ausfüllen der Steuererklärung nichts vergessen hat. Anders als in der Zeit vor Micky kann ich meine Steuererklärung nun innert weniger Minuten beim Steueramt einreichen. Was für eine Erleichterung!

Grundsätzlich soll die Kommunikation mit Behörden und Unternehmen digital erfolgen.

Ich bin überzeugt: Micky wird in Zukunft sämtliche administrativen Arbeiten von uns Menschen erledigen können. Dadurch gewinnen wir mehr Freizeit und auch etwas Sicherheit, nichts Wichtiges vergessen zu haben.

Noch klingt diese Vorstellung futuristisch und – zugegebenermassen – auch etwas unheimlich. Es ist eine komische Vorstellung, unsere Gewohnheiten radikal zu ändern und nicht mehr täglich zum Briefkasten zu gehen oder keine Bundesordner mit persönlichen Dokumenten mehr zu lagern. Obwohl es technisch dank einer digitalen Verschlüsselung bereits heute möglich ist, müssten wir uns sicherlich daran gewöhnen, dass die für uns relevanten Daten neu in unserem persönlichen digitalen Ordner abgespeichert werden, bei dem wir bestimmen können, wer auf welche Daten zugreifen darf und wer nicht.

Um dieses Potenzial maschineller Intelligenz zu nutzen und uns damit administrativ zu entlasten, sollen sämtliche Prozesse neu unter dem Aspekt «digital first» gestaltet werden. 

Konkret heisst das: Die Zeit des Papiers gehört der Vergangenheit an. Grundsätzlich soll die Kommunikation mit Behörden und Unternehmen digital erfolgen. Nur auf Wunsch der betroffenen Person wird der analoge Weg eingeschlagen.

Digital-ethische Grundsätze sind von grosser Bedeutung: Welche Erwartungen stellen wir an die künstliche Intelligenz?

Um Micky zum Durchbruch zu verhelfen, braucht es ein Umdenken bei den Unternehmen: Die Kommunikation muss in Form von strukturierten Daten erfolgen. Nur so können wir sicherstellen, dass Daten nur einmal vorhanden sind (Once-Only-Prinzip) und wir nicht an vier verschiedenen Orten fünf verschiedene Versionen einer Information abgelegt haben.

Die Digitalisierung ist Realität. Die digitale Revolution findet statt. Die zentrale Frage ist nur: Springen wir auf den Zug auf und arbeiten an den Lösungen der Zukunft mit, oder lassen wir den Zug an uns vorbeifahren? 

Behandeln wir die Digitalisierung weiterhin stiefmütterlich und lassen uns die Spielregeln von der globalen Techindustrie auferlegen? Oder nehmen wir die Entwicklung selbst in die Hand und definieren unsere digital-ethischen Grundsätze?

Gerade die digital-ethischen Grundsätze sind von grosser Bedeutung: Welche Erwartungen stellen wir an Algorithmen, an die künstliche Intelligenz (die ich im heutigen Stadium lieber als «maschinelle Intelligenz» bezeichne)? Oder an unsere persönliche Souveränität im digitalen Zeitalter? Wie können wir diese Grundsätze als Gesellschaft – und auch als Gesetzgeber – durchsetzen?

Weitere Fragen stellen sich im Zusammenhang mit den Schnittstellen. Wie wir heute definiert haben, wie breit eine Autobahn gebaut werden soll und welche Anforderungen eine Steckdose zu erfüllen hat, so sollten wir definieren, wie Schnittstellen im digitalen Raum auszusehen haben. Nur so kann es uns gelingen, digitale Datenautobahnen zu bauen, die uns in unserem Alltag merklich entlasten.

Ich bin mir bewusst: Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass unsere Bildschirmzeit stark zugenommen hat – mit allen uns bekannten negativen Auswirkungen. Die Nutzung der sozialen Medien führt nicht selten zu einer Konsumsucht und zu falschen Idealen, die unsere psychische Gesundheit strapazieren. 

Deshalb soll uns die Zukunft der Digitalisierung wieder weg vom Bildschirm und näher an das reale Leben bringen. Das schaffen wir aber nur, wenn wir endlich schlaue Automatisierungen vornehmen.

Noch viel wichtiger aber ist die Frage, ob wir in breiten Kreisen Vertrauen in diese Technologie schaffen können. Es muss zu jeder Zeit sichergestellt sein, dass die maschinelle Intelligenz nicht ungerechtfertigt in unsere Privatsphäre eingreifen oder uns gar manipulieren kann. Ohne dieses Vertrauen werden die Menschen nicht auf Micky hören.

Wenn sich Micky in zehn Jahren um meine Steuererklärung kümmert, kann ich während dieser Zeit mit meiner Partnerin an der frischen Luft joggen gehen oder eine gedruckte Ausgabe eines Buches lesen. 

Wenn wir es zulassen, wird unsere Lebensqualität dank maschineller Automatisierung weiter stark zunehmen. Wir haben es in der Hand.

Ihre Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuchen Sie es erneut.
Ihre Anmeldung war erfolgreich.

Andri Silberschmidts PolitUpdates

Melden Sie Sich zu meinen «PolitUpdates» an und bleiben Sie auf dem Laufenden.