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21.4473 – Wie steht es um die Nachhaltigkeit der AHV bis ins Jahr 2050?

Einreichungsdatum: 16. Dezember 2021

Stand der Beratungen: Im Rat noch nicht behandelt

Eingereichter Text

Die nachhaltige Finanzierung der Altersvorsorge ist seit Jahren das grösste Finanzproblem der Schweiz und eine der grössten Sorgen der Schweizer Bevölkerung. Im Gegensatz zu anderen, wichtigen Themen (Klima, Europa, Corona) hat es die Schweizer Politik selbst in der Hand, diese Sorge mit Reformen zu beseitigen. Nach zweimaliger Ablehnung des generellen Ausbaus der AHV (Altersvorsorge 2020, AHV+ Initiative) hat das Parlament in der Wintersession 2021 mit der Vorlage AHV21 eine „Mini Reform“ beschlossen. Es ist allen Akteuren klar, dass diese Reform das Ziel, die AHV nachhaltig finanziell zu sichern, verfehlt.

In diesem Zusammenhang stelle ich folgende Fragen:

  1. Wie sieht das jährliche und kumulierte Defizit der AHV bis ins Jahr 2050 aus (bitte um Auflistung analog der Tabelle „Finanzperspektiven der AHV“, dat. 17.09.2021)? Es soll je eine Tabelle ohne und mit der AHV21-Reform erstellt werden.
  2. Um wie viel %-Punkte müsste die MWST nach der AHV21-Reform per 2030 erhöht werden, wenn das AHV Defizit bis ins Jahr 2050 einzig über eine Erhöhung der MWST finanziert werden soll? Wie viel kostet das einer Person (im Durchschnitt) auf Lebzeiten, welche im Jahr 1970 und 2030 geboren wird?
  3. Um wie viel %-Punkte müsste die Lohnabgabe nach der AHV21-Reform per 2030 erhöht werden, wenn das AHV Defizit bis ins Jahr 2050 einzig über eine Erhöhung der Lohnabgabe finanziert werden soll? Wie viel kostet das einer Person (im Durchschnitt) auf Lebzeiten, welche im Jahr 1970 und 2030 geboren wird?
  4. Wie schätzt der Bundesrat den Effekt auf das Wirtschaftswachstum, den Arbeitsmarkt und das BIP pro Kopf der Schweizer Bevölkerung ein, wenn das AHV Defizit ausschliesslich über höhere (Mehrwert-)Steuern oder (Lohn-)Abgaben finanziert werden würde?
  5. Wie sieht das jährliche und kumulierte Defizit der AHV bis ins Jahr 2050 aus, wenn nach der AHV21 Reform das Rentenalter im Jahr 2030 auf 66 Jahre angehoben und danach an die Lebenserwartung gekoppelt wird (Methode analog „Renteninitiative“)?
  6. Wie hoch müsste das Rentenalter sein, damit die AHV nachhaltig finanziert wäre (einmalige Erhöhung im Jahr 2030 und Beibehaltung bis 2050)?
  7. Wie hoch ist das gesetzliche und effektive Rentenalter in mit der Schweiz vergleichbaren europäischen Ländern?
  8. Wie schätzt der Bundesrat den positiven Effekt auf den Fachkräftemangel in der Schweiz ein, wenn das Rentenalter erhöht wird?

Stellungnahme des Bundesrates vom 23.02.2022

Es herrscht immer noch eine hohe Unsicherheit über den Verlauf der Pandemie und ihre gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Angesichts dieser Ungewissheit wurde die Frequenz der Aktualisierungen der Finanzperspektiven von AHV, IV und EO seit dem Sommer 2020 erhöht, gleichzeitig wurde der Zeithorizont für die Extrapolationen auf zehn Jahre definiert. Hochrechnungen über zehn Jahre hinaus sind derzeit zu wenig verlässlich.

Das Parlament hat den Bundesrat zudem bereits beauftragt, ihm bis Ende 2026 eine Vorlage zur Stabilisierung der AHV für die Zeit von 2030 bis 2040 zu unterbreiten (Mo. SGK-N 21.3462 „Auftrag für die nächste AHV-Reform“). Auch in seiner Stellungnahme auf die Motion Silberschmidt (20.3833 „Nachhaltige Finanzierung der AHV für alle Generationen sicherstellen. Netto null AHV-Defizite bis ins Jahr 2050“) äussert sich der Bundesrat dahingehend, dass das finanzielle Gleichgewicht über das Jahr 2030 hinaus mit einer nächsten Reform aufgefangen werden muss. Zum heutigen Zeitpunkt eine weitergehende Schätzung zur Entwicklung der AHV-Finanzen zu interpretieren, wäre daher auch aus diesen Gründen nicht zielführend. Die Fragen der Interpellation werden daher auf einen Horizont von zehn Jahren und somit in Bezug auf das Jahr 2032 beantwortet.

1. Umlageergebnis der AHV gemäss geltender Ordnung

JahrTotalAusgabenTotalEinnahmenUmlage-ergebnisKumuliertesUmlageergebnis
202147 14747 24093672
202247 85648 090235907
202349 01648 717-299608
202449 85549 318-53771
202551 38450 119-1 265-1 194
202652 11750 862-1 255-2 449
202754 13151 855-2 276-4 725
202855 15852 647-2 511-7 236
202957 97653 806-4 170-11 406
203059 05554 627-4 428-15 834
203161 68755 770-5 917-21 751
203262 65056 587-6 063-27 814

Beträge in Millionen Franken / zu Preisen von 2021

Umlageergebnis der AHV gemäss AHV 21, Inkrafttreten in 2024

JahrTotalAusgabenTotalEinnahmenUmlage-ergebnisKumuliertesUmlageergebnis
202147 14747 24093672
202247 85648 090235907
202349 01648 717-299608
202449 92750 4124851 093
202551 23951 4321931 286
202651 72352 1784551 741
202753 49553 176-3181 423
202854 30953 988-3211 102
202957 19355 185-2 009-907
203058 38856 055-2 333-3 240
203161 12857 243-3 886-7 126
203262 19758 107-4 090-11 216

Beträge in Millionen Franken / zu Preisen von 2021

2.-3. Um das Umlagedefizit der AHV nach der Reform AHV 21 bis 2032 einzig über eine Erhöhung der MWST zu finanzieren, wäre per 2030 eine proportionale Erhöhung der Mehrwertsteuer um 1,2 Prozentpunkte notwendig. Diese dürfte für den durchschnittlichen Haushalt eine geschätzte Mehrbelastung von 0,7 % des Bruttoeinkommens zur Folge haben.

Um das Umlagedefizit der AHV nach der Reform AHV 21 bis 2032 einzig über eine Erhöhung der Lohnbeiträge zu finanzieren, wäre per 2030 eine Erhöhung der AHV-Beitragssätze um 0,9 Prozentpunkte notwendig. Dadurch müsste eine versicherte Person im Durchschnitt zusätzliche AHV-Beiträge von schätzungsweise insgesamt rund 315 Franken pro Jahr bezahlen.

4. In den letzten Jahrzehnten hat der Bundesrat mehrfach die wirtschaftlichen Folgen von Steuererhöhungen zugunsten der AHV dargelegt, insbesondere in seinen Botschaften zu vergangenen AHV-Revisionen. Die Analyse der Vor- und Nachteile der verschiedenen Finanzierungsquellen hat immer ergeben, dass eine Mehrwertsteuererhöhung aus wirtschaftlicher Sicht zweckmässiger ist als eine Erhöhung der Lohnabzüge. Diese Einschätzung hat nach wie vor Gültigkeit. Aus der Botschaft des Bundesrates zur Stabilisierung der AHV (AHV 21), die sich unter anderem auf eine Studie von BAK Economics aus dem Jahr 2012 stützt (abrufbar unter www.bsv.admin.ch > Sozialversicherungen > AHV > Reformen & Revisionen > AHV 21), geht hervor, dass eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,7 Prozentpunkte nur zu einem leichten Rückgang des Wirtschaftswachstums führen dürfte. Im Bereich der Löhne und der Preise dürfte sich das Wirtschaftswachstum aufgrund verschiedener Anpassungsmechanismen nur temporär reduzieren, und das Wachstumspotenzial der Wirtschaft nicht nachhaltig beeinträchtigen. Lediglich das (reale) BIP und die Beschäftigung würden auf lange Sicht ganz leicht sinken. Das Ausmass der wirtschaftlichen Auswirkungen, die durch den Finanzierungsbedarf entstehen würden, hängt stark von der Staffelung der Erhöhungen und deren Planbarkeit ab. Um die wirtschaftlichen Auswirkungen von Zusatzfinanzierungen zugunsten der AHV zu analysieren, müsste ausserdem aus einer Gesamtperspektive sowohl die Finanzierungsseite als auch die Leistungsseite der AHV einbezogen werden.

5. Umlageergebnis der AHV gemäss Renteninitiative / Inkrafttreten der AHV 21 in 2024

JahrTotalAusgabenTotalEinnahmenUmlage-ergebnisKumuliertesUmlageergebnis
202147 14747 24093672
202247 85648 090235907
202349 01648 717-299608
202449 92750 4124851 093
202551 23951 4321931 286
202651 72352 1784551 741
202753 49553 176-3181 423
202854 09953 992-1071 316
202956 63255 201-1 431-115
203057 51956 087-1 432-1 547
203159 93557 288-2 647-4 194
203260 72858 175-2 553-6 747

Beträge in Millionen Franken / zu Preisen von 2021

6.Unter Berücksichtigung der Reform AHV 21 könnte das Umlageergebnis der AHV mit einer einmaligen Erhöhung des Rentenalters der Frauen und Männer auf 68 Jahre ab dem Jahr 2030 nachhaltig stabilisiert und der Stand des AHV-Ausgleichsfonds voraussichtlich dauerhaft über der gesetzlichen Grenze von einer Jahresausgabe gehalten werden.

7.Das „effektive Rentenalter“ existiert als solches nicht, denn es gibt unterschiedliche Ansätze, die sich nicht klar voneinander abgrenzen lassen: den Arbeitsmarktansatz und den Leistungsbezugsansatz. Für den hier verwendeten internationalen Vergleich (Austritt aus dem Arbeitsmarkt) gemäss der Definition der internationalen Arbeitsorganisation gilt als erwerbstätig, wer mindestens während einer Stunde pro Woche eine bezahlte Tätigkeit ausübt. Das heisst, Personen die bereits Leistungen aus dem 3-Säulen-System beziehen, aber weiterarbeiten (auch nur eine Stunde) sind ebenfalls erfasst. Aus diesem Grund kann der Indikator auch über dem Referenzalter liegen. Das durchschnittliche effektive Erwerbsaustrittsalter ist definiert als das durchschnittliche Alter beim Austritt aus dem Arbeitsmarkt von Arbeitnehmenden im Alter von 40 Jahren und älter; die OECD greift dabei auf die Ergebnisse der nationalen Arbeitskräfteerhebungen und der Arbeitskräfteerhebung der Europäischen Union zurück.

Durchschnittliches gesetzliches Rentenalter und durchschnittliches effektives Erwerbsaustrittsalter

Durchschnittliches gesetzliches RentenalterDurchschnittliches effektives Erwerbsaustrittsalter
MännerFrauenMännerFrauen
Schweiz656465.464.1
Belgien6560.960.1
Dänemark65.563.863.5
Deutschland65.763.163.2
Finnland656363.6
Frankreich64.560.460.9
Italien6262.361.3
Luxemburg6259.260.1
Niederlande66.363.962.8
Norwegen6764.963.1
Österreich65606260.7
Portugal65.364.963.3
Schweden6565.864.9
Spanien656160.4
Vereinigtes Königreich6663.763.2
OECD-Durchschnitt64.263.463.862.4

Quelle: OECD, Pensions at a Glance 2021, Dezember 2021, Zahlenbasis 2020

Wird auf der anderen Seite der Leistungsbezug betrachtet, ergibt sich für die Schweiz ein differenzierteres Bild: Ein Jahr vor dem ordentlichen Rentenalter im Jahr 2019 bezogen 54 % (61 % der Männer und 46 % der Frauen) eine Leistung aus einer der drei Säulen. Zu dieser Erhebung existiert kein internationaler Vergleich.

8. Wie die Höhe der Leistungen der Altersvorsorge und deren Finanzierungssystem ist das Referenzrentenalter Teil der institutionellen Regeln, die sowohl das Arbeitsangebot als auch die Arbeitsnachfrage beeinflussen. Diese Entwicklung hängt jedoch von vielen anderen Faktoren ab. Beim Arbeitsangebot werden insbesondere der Gesundheitszustand, das Erwerbseinkommen, das Vermögen, das Bildungsniveau und die altersspezifischen Präferenzen bei Freizeitaktivitäten eine wichtige Rolle spielen. Auf Nachfrageseite werden die Arbeitskosten, das Wirtschaftswachstum sowie die Technologie auch in Zukunft wichtige Determinanten sein. Daher lässt sich nur schwer abschätzen, wie sich die Beschäftigung älterer Menschen bei einer Rentenaltererhöhung entwickeln würde:

Die Nachfrage nach älteren Arbeitskräften dürfte in den kommenden Jahren aufgrund der drohenden demografiebedingten Fachkräfteknappheit grundsätzlich zunehmen. Ältere Arbeitnehmende sind in der Schweiz bereits heute gut in den Arbeitsmarkt integriert. Die Schweiz verfügt innerhalb Europas über eine der höchsten Erwerbstätigenquote der 50- bis 64-Jährigen. Nach Erreichen des ordentlichen Pensionierungsalters sinkt die Beschäftigung in der Schweiz allerdings rasch stark ab.

Dieser Umstand – verbunden mit der Tatsache, dass der bevölkerungsstärkste Jahrgang der Schweiz in weniger als zehn Jahren das Rentenalter erreichen wird – spricht dafür, dass eine Erhöhung des Rentenalters einen massgeblichen Beitrag zur Entschärfung des demografiebedingten Fachkräftemangels leisten könnte.

Um die Auswirkungen auf den Fachkräftemangel genauer zu ermitteln, müsste man allenfalls auch den künftigen Qualifikationsbedarf der Unternehmen kennen und beurteilen können, ob ältere Arbeitnehmende, die später weiter erwerbstätig sein möchten, tatsächlich über die nötigen beruflichen Qualifikationen verfügen.

In seiner Botschaft zur Initiative „Für eine sichere und nachhaltige Altersvorsorge (Renteninitiative)“ wird der Bundesrat anhand verschiedener Hypothesen eine qualitative Prüfung der möglichen Auswirkungen einer Erhöhung des Rentenalters auf den Arbeitsmarkt vornehmen.

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